Neu am Fachbereich: Prof. Frank Pisch im Interview

Seit 1.9. neuer Leiter des Fachgebiets Mikroökonomie

28.09.2021

Professor Pisch, wie war Ihr Start an der TU Darmstadt? Haben Sie sich bereits ein wenig eingelebt?

Mein Start war hervorragend und extrem unkompliziert. Gerade was die IT angeht, hat alles wunderbar geklappt und insofern hatte ich einen „fliegenden Start“ an der TU, wie man so schön sagt.


Als Ihr Forschungsgebiet geben Sie „Organisational and Environmental Economics“ an sowie „International Trade“ – das klingt sehr umfangreich. Können Sie uns einige Forschungsschwerpunkte nennen, an denen Sie arbeiten?

Insgesamt dreht sich in meiner Forschung immer alles um die Produktionsnetzwerke von Firmen. Diese sind gerade in der heutigen Zeit sehr international und oft sogar global, daher ist „International Trade“ immer ein ganz wichtiger Teil, um zu erklären wie diese Produktionsnetzwerke funktionieren. Aber da wir es in diesem Zusammenhang mit Firmen zu tun haben, reicht die Handelstheorie einfach nicht. Wir müssen dann einsteigen in „Organisational Economics“, wo ich verstehen kann, wie Firmen sich selbst, aber auch ihre firmenübergreifenden Verbindungen organisieren und wie sie ihre Besitz- und Eigentumsrechte strukturieren. Bei großen multinationalen Unternehmen wie Google, aber auch vielen „manufacturing companies“ ist es von entscheidender Bedeutung, ihre ökonomischen Beweggründe und „trade-offs“ zu kennen, um die Effizienz dieser Netzwerke zu verstehen – beziehungsweise warum diese Firmenstrukturen so aufgebaut sind und was mit ihnen passiert, wenn Politiken oder Regularien sich verändern.

Und abschließend aus persönlichem Interesse – ich habe drei Kinder und blicke immer viel in die Zukunft – ist es mir immer mehr ein Anliegen geworden zu verstehen, wie sich Produktionsnetzwerke auf die Natur, unsere Umgebung und Lebensqualität auswirken. Da gibt es viele politikrelevante Fragestellungen, die spannend sind, beispielweise in Bezug auf Bestrafungen, wenn Firmen Menschen- oder Umweltrechte verletzen. Das sind große Diskussionen und wir haben wenig Verständnis davon, wie das funktioniert.

Mein Forschungsschwerpunkt ist also die Produktionsnetzwerke zwischen Firmen besser zu verstehen, im Hinblick darauf wie sie organisiert sind, und was passiert, wenn wir Wirtschaftspolitik betreiben.


Eine ihrer laufenden, noch unveröffentlichten Arbeiten beschäftigt sich mit „The political economy of trade and pollution. Evidence from China’s world market integration“. Was ist der Hintergrund dieses Papers?

China steht, was Umweltverschmutzung angeht, weltweit leider immer noch an erster Stelle. Es ist ein Land, das viel getan hat und zum Beispiel die höchste Registrierungsrate von E-Autos hat, aber immer noch den größten Teil seiner Energie mit Kohle produziert. Wir wollen in diesem Projekt verstehen, welche Auswirkungen die Integration Chinas in globale Wertschöpfungsketten auf die lokale Umwelt-, insbesondere Luftverschmutzung hatte.

Zunächst einmal versuchen wir, die Verschmutzung unabhängig von chinesischen Behörden zu messen. Mithilfe von hochauflösenden Satellitenbildern können wir für sehr kleine Zellen bestimmen, wie hoch die Konzentration von bestimmten Partikeln ist. Im zweiten Schritt haben wir sehr disaggregierte Daten zu den Firmen in China und ob, und zu welchem Grad, diese in Wertschöpfungsketten eingebunden sind. Wir betrachten die Zeit von 2000 bis 2006: in dieser Phase ist China der Welthandelsorganisation beigetreten und erlebte danach ein phänomenales Exportwachstum. In dieser Zeit wurde China zur „workbench“ der Welt, aber damit einhergehend kam es zu einer viel höheren Luftverschmutzung, die problematisch für die Menschen vor Ort ist und natürlich auch katastrophale Auswirkungen auf das globale Klima hat.

Der „political economy“ Aspekt in diesem Projekt ist zu erforschen, warum es zu dieser Umweltverschmutzung kam, da Politiker:innen eigentlich die Möglichkeit haben, Grenzen zu setzen; wie es in Europa ja auch vielerorts getan wurde. Lokale Politiker:innen in den Präfekturen in China haben sehr starke Karriereanreize, um in der kommunistischen Partei weiter aufzusteigen. Was wir zeigen können ist, dass der Luftverschmutzungseffekt durch Exporte nur dann stattgefunden hat, wenn die lokalen Politiker:innen bestimmte Anreize hatten, beispielsweise die ökonomische Profilierung zum Anfang ihrer Amtszeit für eine schnelle Beförderung. In dieser Zeit werden dann alle Regularien ausgesetzt und es kommt zu großer Luftverschmutzung. Wenn Politiker:innen aber erst einmal am Ende ihres „terms“ angekommen sind, spielen andere Dinge, wie die lokale Zufriedenheit der Menschen, eine wichtigere Rolle. Dann finden wir diesen Effekt nicht mehr. Ähnlich ist es mit Politiker:innen, die vor Ort aufgewachsen sind. Diese kümmern sich oft viel mehr um die Luftverschmutzung in ihrer Stadt, als aus Peking in andere Regionen abgesandte Kollegen.

Wir zeigen also, dass die zusätzliche Luftverschmutzung kein Muss gewesen ist, sondern dass die lokale Politik hätte handeln können. Das ist nicht nur wichtig für China heute, sondern andere Entwicklungsländer, die diese Integrationsschritte in Zukunft tun.


Sie sind assoziiert mit der Universität St. Gallen und dem Centre for Economic Performance in London. Wie gestaltet sich diese internationale Zusammenarbeit?

Der wichtigste Aspekt daran ist ein gemeinsames Forum zu haben, in dem man sich immer wieder trifft. Beide Institutionen führen immer wieder Workshops und Konferenzen durch, bei denen man seine Arbeit vorstellen kann, was ich auch bereits mehrfach genutzt habe. Dort kann man sich vernetzen und Input für die eigene Forschung bekommen. Außerdem bietet sich dort eine Gelegenheit zur Öffentlichkeitsarbeit, die mir sehr wichtig ist. Gerade das Centre for Economic Performance wurde mit dem Hauptziel gegründet, ökonomische Forschung besser in die Öffentlichkeit zu bringen. Meine Forschungspapiere veröffentliche ich in deren „Discussion Papers Series“, worüber sie dann medial verbreitet werden und mir eine sehr große Reichweite verschaffen. Das ist ein ganz wichtiges „Schmieröl“ für die Verbindung zwischen der Öffentlichkeit, der Politik und meiner Forschungsarbeit, die ja manchmal auch im vielzitierten „Elfenbeinturm“ stattfindet.

Meine Hoffnung ist, dass die kürzlichen Bestrebungen der TU Darmstadt im Hinblick auf einen Chief Communications Officer mehr und mehr auch im deutschen Raum dazu führen werden. Ich möchte gerne aktiv sein und Einschätzungen liefern – Stichwort Lieferkettengesetz. Hier braucht es meines Erachtens mehr Input von Seiten der Forschung. Wir Ökonom:innen haben hier eine Verpflichtung.


An welche Fachgebiete am Fachbereich sehen Sie Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit in der Forschung?

Ein ganz wichtiger Entscheidungsgrund für mich nach Darmstadt zu kommen, waren die vielen Anknüpfungspunkte, nicht nur in der VWL. Da gibt es natürlich Prof. Nitsch; dessen Gebiet „International Economics“ steht meiner Forschung natürlich sehr nahe. Auch die anderen beiden VWL-Fachgebiete arbeiten sehr quantitativ, und all meine Arbeit hat einen hohen quantitativen, ökonometrischen Anspruch – Da habe ich also wunderbare Partner. Und was die inhaltliche Ausrichtung angeht, habe ich das Gefühl, dass man versucht immer an wichtigen politikrelevanten Themen zu forschen und das finde ich sehr spannend.

Aber auch gerade in der BWL ist alles, was mit Logistik und Supply Chain Management zu tun hat, meiner Forschung sehr nah, z.B. in den Fachgebieten von Herrn Prof. Glock, Prof. Weidinger, aber auch andere mit denen ich mittlerweile schon in Kontakt gekommen bin. Das funktioniert wunderbar und ich sehe auch viel Potenzial für Anknüpfungspunkte an den wirtschaftsinformatischen Teil der BWL-Fachgebiete, da die Digitalisierung Lieferketten und globale Wertschöpfungsketten weiter stark verändern wird.


Welche zukünftigen Entwicklungen und Forschungsfragen sehen Sie in Ihrem Fachgebiet „Mikroökonomie“?

Ich denke es ist eine wichtige Beobachtung, dass Märkte und Lieferketten immer stärker konzentriert werden. Wir sehen immer mehr Firmen, die große Marktmacht haben; im täglichen Leben sehen wir Google, Facebook, Amazon & Co. und hören von Prozessen, die versuchen diese einzuschränken. Aktuell nutzen Ökonom:innen noch eine recht klassische Herangehensweise, mit kompetitiven Märkten und vielen Firmen, die untereinander wenig Preissetzungsmacht haben. Das entspricht aber bei weitem nicht der Realität; aktuell ist es so, dass in den meisten Lieferketten etwa fünf Unternehmen den globalen Markt unter sich aufteilen. Wenn wir Zoll- oder Wirtschaftspolitik betreiben, müssen wir also besser verstehen, welche Auswirkungen solch ein nicht-kompetitives Umfeld hat.

Der industrielle, wettbewerbliche Aspekt wird auch in meiner Forschung in Zukunft eine wesentlich wichtigere Rolle spielen.


Sie haben bereits mehrere Auszeichnungen für Ihre Lehre erhalten. Was möchten Sie in der Lehre an der TU Darmstadt erreichen?

Es gibt ein Hauptprinzip, das ich in meiner Lehre vorantreiben will, und zwar „Individualisierung“. Das eine Extrem ist eine Frontalvorlesung aus den Sechzigern, was für die Studierenden bedeutet, dass sie selbst die Individualisierung betreiben müssen. Das stellt heutige Studierende aber vor große Herausforderungen, weil wir eine Informationsflut haben und weil durch die Bologna-Reform großer Druck entsteht, Stichwort „Bulimie-Lernen“. Das bedeutet, dass Studierende gar keine Möglichkeit mehr haben, so zu lernen, wie sie es brauchen.

Die Digitalisierung hat in dieser Hinsicht aber vieles möglich gemacht. Ich habe beispielsweise zusammen mit einem Studierenden aus St. Gallen eine App entwickelt, , in der man mit ökonomischen Diagrammen „herumspielen“ kann, um zu verstehen was passiert, wenn man einen Parameter ändert. Das ermöglicht Studierenden spielerisch an die Sache heranzugehen und zu verstehen, wo die eigenen Lücken sind.


Was erwarten Sie von den Studierenden und was können die Studierenden von Ihnen erwarten?

Ich erwarte eine grundsätzliche positive Neugier auf das Fach VWL. Studierende der Wirtschaftsinformatik oder des Wirtschaftsingenieurwesens haben die VWL oft nur als Pflichtfach nebenher, aber ich glaube die Studierenden können von uns in der VWL und gerade auch von meinem Fachgebiet sehr viel lernen, wo es um wettbewerbliche Interaktionen zwischen Firmen geht. Es wäre schön, wenn die Studierenden ohne Leistungsdruck auf mich zukommen und sich selbst und ihr Wissen einbringen.

Die Studierenden können von mir erwarten, dass ich viel Zeit und Engagement in die Lehre stecke. Das ist mir ein wichtiges Anliegen, da ich selbst von Mentor:innen und Professor:innen in meiner Laufbahn profitiert habe. Das möchte ich weitergeben und sehe es als ganz wichtigen Teil meiner Professorentätigkeit.


Zum Abschluss noch kurz und knapp gefragt: Was möchten Sie als Professor in 5 Jahren erreicht haben?

Ich möchte in allererster Linie den Tenure Track-Teil meiner Stelle abgeschlossen haben, dafür werde ich mein Bestes tun. Das ist der formale Schritt. Der zweite Aspekt ist, dass ich ein Fachgebiet aufbauen möchte, das immer eine freundliche Reputation hat, das eine Reputation für fachliche Exzellenz und Zusammenarbeit und Offenheit zu anderen Disziplinen hat.

Für mich persönlich wäre es schön, in der Öffentlichkeit noch mehr mit meiner Forschung Gehör zu finden, auch was Einschätzungen zu anderen Themen angeht. Und dass hoffentlich viele gute Publikationen dabei herauskommen, versteht sich für einen Wissenschaftler natürlich von selbst.


Und dabei wünschen wir Ihnen viel Erfolg. Vielen Dank für das Interview, Professor Pisch!


Die Fragen stellte Ann-Kathrin Braun.